Spider-Man
21.10.2018 von Emanuel Häusler
Review
Harte Fakten
  • Toll modellierte Welt
  • Exzellentes Schwing-Gameplay
  • Kinoreifes Storytelling
  • Typische Open-World Gegner-Massenware

Writing memoirs? Don’t forget the hyphen between Spider and Man.

Insomniac Games - die Entwickler hinter bekannten Marken wie Spyro, Ratchet & Clank und Resistance (und meinem geheimen Favoriten, Disruptor) wagen sich an ihr erstes Lizenzprojekt und schnappen sich dabei niemand Geringeres als die freundliche Spinne aus der Nachbarschaft: Spider-Man.

Seit den Sechziger Jahren schwingt, prügelt und witzelt Spider-Man bereits in verschiedensten Medien durch die Gegend. Entsprechend hoch ist der Bekanntheitsgrad der Figur und dankenswerterweise weiss das auch Insomniac. So wird uns keine weitere Origin-Story aufgetauscht und man spielt auch nicht die Story von Spider-Man: Homecoming nach. Stattdessen steigen wir mitten im Geschehen ein. Peter Parker steckt mal wieder in finanziellen Schwierigkeiten und hält sich mit einem Laborjob bei seinem Freund Dr. Otto Octavius über Wasser, während er nebenher den Ganoven von New York das Fürchten lehrt.

Die berüchtigte Ubi-Formel?

Der Spieleinstieg gestaltet sich hierbei sehr linear und actionlastig. Es geht direkt einem Stargast aus dem Marvel-Universum an den Kragen: Wilson Fisk, alias der Kingpin stellt sich dem Wandkrabbler entgegen und das durchaus mit Wucht. Obwohl das Kampfsystem etwas an die Batman-Spiele aus dem Hause Rocksteady erinnert, muss man sich etwas an die schnellen Bewegungen gewöhnen, während man selbst recht schnell das Zeitliche segnet. Schliesslich trägt Spidey nur einen dünnen Anzug und keine schwere Körperpanzerung mit sich herum. Doch spätestens nach einigen Game-Over-Screens und dem Fortsetzen an einem der grosszügig verteilten Checkpoints hat man die Steuerung im Blut und verprügelt Kingpin und seine Schar, dass es eine wahre Freude ist. Mit Schlägen und Tritten, seinen Netzgeschossen und der ganzen Einrichtung setzt man sich zur Wehr und hat trotzdem immer Zeit für einen flapsigen Spruch.

Nach dem brachialen Einstieg nimmt sich das Spiel erstmal ein paar Minuten Zeit, die Welt zu etablieren und die Charaktere aufzubauen. Man macht einen Abstecher ins Labor und stattet auch Tante May einen Besuch ab, die bei Feast arbeitet, einer wohltätigen Einrichtung die für Nahrung und Schlafplätzen für Obdachlose sorgt. Onkel Ben ist in dieser Zeitlinie bereits seit einigen Jahren verstorben. Norman Osborn ist der amtierende Bürgermeister und sein Sohn Harry, seines Zeichens Peters bester Freund, verweilt zurzeit auf Reisen. Man merkt also, die Grundsituation enthält zwar die altbekannten Figuren, ist aber etwas anders aufgebaut, als man es aus den meisten aktuellen Spider-Man Geschichten kennt und das ist auch gut so. Denn Insomniac nutzt das, um ihre eigene Geschichte zu erzählen und tut dies mittels beindruckend cineastisch inszenierten Zwischensequenzen und gut geschriebenen Dialogen. Man erkennt jede Gefühlsregung in den Gesichtern und die sehr gute Vertonung rundet das ganze ab (Anm. d. Red.: gespielt wurde die englische Version, es gibt aber auch eine vollständig lokalisierte deutsche Fassung).

Doch all das ist erstmal nebensächlich, wenn man sich zum ersten Mal frei durch das offene New York hangeln kann. Selbstverständlich bewegt man sich am schnellsten durch Netzschwingen durch die Stadt und meine Güte, macht das Spass. Man merkt, wieviel Zeit sich die Entwickler genommen haben um diesen Aspekt so gut hinzukriegen, wie er letztendlich auch geworden ist. Geschmeidig animiert schwingt man sich durch die Metrople, zwischen Häuserschluchten und über den Central Park hinweg, muss jedoch immer aufpassen, dass die Netze auch einen Ankerplatz finden - selbst Spider-Mans Netze bleiben nunmal nicht mitten in der Luft kleben.

Stichwort offenes New York, Spider-Man ist ein Open-World Spiel und selbstverständlich gibt es auch hier eine Karte mit unzähligen Icons, die widerum zu zahllosen Nebenmissionen und Sammelquests einladen, die bekannte Ubisoft-Formel eben. Allerdings schafft es das Spiel im Gegensatz zu den meisten anderen Genrevertretern den grossen Clou: man wird derer nicht überdrüssig, sondern sie machen bis zum Ende Spaß! Dafür gibt es mehrere Gründe. Zum einen stimmt das Pacing, mit dem diese Missionen freigeschaltet werden und es wirkt nie, als würde die Karte einen mit Icons erschlagen wollen (es sei denn natürlich, man lässt diese bis zum Ende des Spiels links liegen). Die Missionen sind abwechslungsreich und immer dann, wenn man denkt man hat zu viele Missionen eines Typs gemacht, erscheint ein neuer Typ oder man wechselt wieder zu den Story-Missionen zurück. Ein weiterer Kniff: die Missionen sind nicht einfach nur schnöde Statistik. Jede Missionsvariante liefert bei Abschluss ein oder mehrere Token, mit dem man neue Anzüge und Gadgets freischalten kann und davon gibt es jede Menge. Doch auch die Anzüge sind nicht nur reine Gimmicks, die an unterschiedliche Zeitlinien und Comics erinnern, sondern jeder einzelne Anzug schaltet auch eine besondere Fähigkeit frei, die teilweise grossen Einfluss auf die Spielweise ausübt. 

Downgrade oder Stilmittel

Bereits aus den vielen Trailern war im Vorfeld bereits klar, das Spiel sieht gigantisch gut aus, aber schafft es die Qualität auch bis zum finalen Release? Wir sagen definitiv ja! Das Grafikfeuerwerk, was Insomniac hier auf den Bildschirm zaubert, ist schlichtweg beeindruckent. Egal ob es die bereits angesprochenen Zwischensequenzen, die Kämpfe oder einfach nur das Schwingen durch New York ist, die Framerate bleibt fast durchweg stabil bei 30 Bildern pro Sekunde und der Detailgrad ist atemberaubend. Die Fülle an Kleinigkeiten, die die Entwickler in der Welt sowohl in der Stadt als auch in kleineren Räumen platziert hat, lässt selbst einen Nathan Drake vor Neid erblassen und wir sprechen hier immer noch von einem Open-World-Spiel. Egal ob rasante Verfolgungsjagden mit Explosionen und durch die Gegend fliegenden Fahrzeugen oder chaotische Kämpfe mit zehn Gegnern gleichzeitig, bei dem die halbe Einrichtung in die Brüche geht, die Insomniac Engine hält stand und liefert spektakuläre Bilder. Einzig die Kamera stellt sich manchmal etwas arg bockig an, aber das lässt sich zumeist recht schnell nachjustieren.

An einer Stelle kommt die Open-World-Generik dann allerdings doch durch. Die Gegner sind abseits der Bosse maximal Abziehbildchen und scheinen direkt dem Klonlabor entkommen zu sein. Darüber hinaus folgen sie dem gleichen Muster, das man bereits zigmal gesehen hat. Man startet mit einfachen Unbewaffneten Söldern, später kommen Schusswaffen dazu, darauf folgen gepanzerte Schergen mit Schild, die man nur von hinten attackieren kann und auch die Scharfschützen dürfen nicht fehlen. Das einem trotzdem nicht langweilig wird, hat man nur dem umfangreichen Arsenal Spideys zu verdanken. Mein Lieblingsgadget an dieser Stelle: der Web Blossom - Spider-Man springt in die Luft und schleudert wie wild Netzgeschosse in sämtliche Richtungen, wodurch die meisten Gegner erstmal an der Wand oder am Boden kleben.

Damit das Open-World-Gekloppe und -Geschwinge auf Dauer nicht zu langweilig wird, streut das Spiel immer mal wieder kleinere Sequenzen ein, in denen man das Geschehen aus der Sicht eines anderen Charakters verfolgt. Beispielsweise steuert man MJ während einer Geiselnahme und kann Peter ein Signal geben, wenn dieser unbemerkt einen der Sölder ausschalten kann, während man selbst versucht, ungesehen an ihnen vorbeizuschleichen.

Ein Spiel nur für Fans?

Bei so einem Spiel ist klar, Fans kommen hier voll auf ihre Kosten. Das Spiel ist vollgestopft mit Gimmicks, Eastereggs und Anspielungen auf andere Zeitlinien, andere Charaktere und bekannte Orte. Beispielsweise kann man in der ganzen Stadt Peters Rücksäcke finden, die Sammelobjekte enthalten und Story-Ausschnitte enthalten. In einem Nebenmissionsstrang versucht man Felicia Hardy, besser bekannt als Black Cat hinterherzujagen. Trotzdem oder eben deswegen sollten sich auch Neulinge dieses Spiel genauer ansehen. Durch die eigene Geschichte bleibt man nicht auf dem Trockenen, gleichzeitig werden einem die Charaktere aber gut genug nahegebracht, dass man nicht den Anschluss verliert und durch die angesprochenen Nebenmissionen lassen sich perfekt die Lücken füllen.

Fazit

Da hat Insomniac Games mit ihrer ersten Lizenzversoftung gleich mal einen Hit gelandet. Ja, das Spiel macht wenig neu und kupfert vieles ab, aber das was es abkupfert wird um sinnvolle Elemente erweitert oder die negativen Aspekte abgeschliffen. Herausgekommen ist eines der besten Comic-Spiele und Open-World-Spiele der letzten Jahre, wenn nicht noch mehr. Ich war selten bis zum Ende so motiviert, selbst die Neben- und Sammelaufgaben alle mitzunehmen. Wer auch nur ein bisschen was mit der Materie anfangen kann, sollte Spider-Man unbedingt gespielt haben.

GCult getestet

Verdiente Gems

Ein Gem für Geschichte
Glaubhaft erzählt, emotional fesselnd und schockierend - dieses Werk verstand es, den Spieler zu packen!
Ein Gem für die Grafik
Hier kann sich das Auge sattessen! Dieser Titel begeisterte mit seiner Optik
Ein Gem für das Gameplay
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