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Wolfenstein: The New Order


In Bezug auf den Zweiten Weltkrieg haben wir uns alle schon einmal die Frage gestellt: „Was wäre wenn?“ Dieses Szenario wurde bereits im Videospiel „Turning Point – Fall of Liberty behandelt. Mit diesem Titel zeigte der Entwickler Spike, wie man hohes Potential verschenkt. Machine Games möchte beweisen, dass man aus dieser „fiktiven Zukunft ein gutes Videospiel entwickeln kann. In ihrem Erstlingswerk Wolfenstein: The New Order hat das „Regime“ aller Bemühungen der Alliierten zum Trotz den Zweiten Weltkrieg gewonnen und die Demokratien weltweit in die Knie gezwungen. Die Nazis, (in der deutschen Version „das Regime“ genannt) haben die Weltherrschaft übernommen, hissten über dem Weißen Haus in Washington ihre Hakenkreuzflagge, betraten als Erstes den Mond, und die Beatles haben sich in „Die Käfer“ umbenannt und singen auf Deutsch. Schlimmer kann es gar nicht kommen, doch zum Glück hat der Widerstand einen letzten Joker in der Hand: William B. J. Blazkowicz. Dieser wird dem Regime das Fürchten lehren! Das Problem: Unser Protagonist kommt gerade aus einer Nervenheilanstalt, lag 14 Jahre im Wachkoma und wir befinden uns bereits im Jahr 1960. Klingt nach den ersten Zeilen dieses Tests bereits nach einem trashigen B-Movie mit Nazis vom Mond? Ja, aber das Spiel ist dennoch ein Kracher geworden und ihm nachfolgenden Test, bringen wir es auf den Punkt warum das so ist, und wir schon lange Zeit nicht mehr so viel Spaß mit einem reinen Singleplayer-First-Person-Shooter hatten!

https://www.youtube.com/watch?v=zI_gNriLXxg

 Da Videospiele in Deutschland nach wie vor leider NICHT als Kunst gelten, muss Wolfenstein – The New Order in Deutschland ohne Nationalsozialistische Zeichen und Sprüche auskommen. Ob sich das je ändern wird? Wir wollen es hoffen..

1946: Die letzte Chance für die Alliierten

Wir schreiben das Jahr 1946 einer alternativen Zeitlinie, der Krieg neigt sich dem Ende zu und die alliierten Streitkräfte starten ihre letzte, große Offensive auf die Festung von General Totenkopf. Die Sachen gepackt und ab ins Flugzeug. Auf dem Weg zum General wird unser Bombengeschwader von futuristischen Flugzeugen des Regimes unter Beschuss genommen, und wir stürzen kurz vor unserem Ziel ab. Direkt zu Beginn wird uns eingetrichtert, dass dies die letzte Chance sei, den Krieg doch noch zu gewinnen, also legen wir uns gewaltig ins Zeug, kämpfen uns durch einen brandgefährlichen Strandabschnitt und Bunkeranlagen, erklimmen von außen die Festung, widersetzen uns zahlreichen Regime-Soldaten sowie Roboterhunden und treffen am Ende, mehr unfreiwillig, auf den General. Dann sind nur noch wir und zwei unserer Kameraden am Leben und dem Willen des Generals ausgesetzt. Dieser stellt uns vor die Wahl, welchen Kameraden er für seine perversen und abstoßenden Experimente sezieren soll, und das Spiel offenbart uns etwas, was wir so nicht erwartet haben: Die Handlung basiert eingeschränkt auf unseren Entscheidungen. Je nachdem für welchen Kameraden wir uns entscheiden, eröffnet sich dadurch eine alternative Zeitlinie, was indirekt bedeutet, dass es sich durchaus lohnen könnte, das Spiel mindestens ein weiteres Mal anzugehen.

Auch mit diesen schwer gepanzerten Soldaten bekommen wir es zu tun.

Nach dieser recht intensiven und packenden Einführung ins Spiel versetzt uns der Titel ins Jahr 1960, denn Blazkowicz gelingt die Flucht nur knapp – und nicht unversehrt. Ganze 14 Jahre verbringt Blazkowicz gefangen im Wachkoma in einer polnischen Nervenheilanstalt. Begleitet wird dieses gut inszenierte Intro durch innere Monologe unseres Protagonisten, der zwar nicht aktiv am Geschehen teilnimmt, durchaus aber alles mitbekommt, was in diesen 14 Jahren passiert. Genau zum richtigen Zeitpunkt erwacht William B. J. Blazkowicz aus seinem zwischenweltlichen Dasein und entledigt sich erst einmal der Masse an Regime-Soldaten die in der Anstalt ein Massaker veranstaltet haben und bekommt die bittere Wahrheit wenig später eiskalt serviert: Die Alliierten sind geschlagen, das Regime hat den Zweiten Weltkrieg gewonnen!

Zugegeben, die Story verdient keinen Oscar, noch ist sie wirklich neu. Spiele wie Turning Point: Fall of Liberty haben diese alternative Erzählweise des Zweiten Weltkriegs bereits aufgegriffen und umgesetzt. Trotz alledem ist die Geschichte auf ihre eigene Art und Weise gut erzählt, wenn auch etwas trashig (Stichwort „Mond“), dafür aber umso ernsthafter und bedrückend zugleich.

Och nein, nicht noch ein Shooter, nicht schon wieder Zweiter Weltkrieg – ist das Thema nicht so langsam plattgetreten? Ja, vollkommen. Aber mal ernsthaft: Könnt ihr euch ein Wolfenstein ohne Nazis vorstellen? Eben, wir auch nicht, und durch diese fiktive Zeitlinie wirkt der Shooter auch herrlich frisch, gemixt mit Elementen, die wir so gar nicht mehr kannten. Im Kern ist Wolfenstein: The New Order der Arcade-Shooter, den wir erwartet haben, und ignoriert gekonnt all jene Errungenschaften im Shooter-Genre, die es die letzten Jahre gab – und das mit voller Überzeugung! Deckungen nutzen, um die Lebensanzeige aufzufüllen? Pustekuchen! Ohne Medipacks beißt Blazkowicz nach einigen Treffern ins Gras, zum Glück kann er sich mit Rüstungs-Upgrades verstärken und so eingehenden Schaden dämpfen. Ist allerdings auch die Rüstung platt, zählt der Lebenspunktezähler unweigerlich unter Beschuss gen Null – und aus ist es. Um dies zu verhindern, sind die Levels mit zahlreichen Kisten gespickt, die Blazkowicz mit seinem Messer ohne Probleme aufbrechen kann und deren Inhalte meistens aus Medipacks oder Munition bestehen. Vollends auf Deckung muss man natürlich nicht verzichten – doch Vorsicht, auch die ist nicht unzerstörbar, daher heißt es stets in Bewegung bleiben, um den Feinden keinen fixen Angriffspunkt zu liefern. Manchmal ist auch stilles Vorgehen angebracht, denn verteilt in den Levels trifft man hin und wieder auf Kommandanten, die bei Feindberührung Verstärkung rufen und alle anderen Soldaten in Alarmzustand versetzen – ein gezielter Messerwurf kann hier wahre Wunder wirken!

Auf der Suche nach Munition, Rüstung und Medikits fällt eins sofort auf: The New Order spielt sich deutlich actionlastiger als beispielsweise ein Call of Duty, bei dem man einfach mal in Deckung geht, eine Verschnaufpause einlegt und dann mit voller Lebenskraft wieder angreift. Hier werden wir sprichwörtlich zur Action getrieben, denn irgendwoher müssen die Lebenspunkte sowie Munition kommen – und das bedarf einerseits einer schnellen Reaktion und eines präzisen Abzugsfingers. Die Mischung macht’s, und davon hat der Titel erstaunlich viel an Bord. Tempowechsel, Schleicheinlagen, ein umfangreiches Waffenarsenal, anspruchsvolle Ballerorgien mit Zugzwang, abwechslungsreiche Schauplätze, interessante Charaktere, eine interessante Story – all das findet man hier.

Sogar eine Art von Talentbaum beziehungsweise eine Sammlung von Vorteilen, die man freischalten kann, hat man B. J. Blazkowicz spendiert. Hierfür wird von uns nicht viel mehr verlangt, als einfach zu spielen und uns an ein paar Vorgaben zu halten. Gleich zu Beginn schalten wir zum Beispiel die Fähigkeit „Messerwerfer“ frei, indem wir einen Regime-Soldaten still und heimlich von hinten ins Jenseits befördern. Frei wählen können wir diese Vorteile zwar nicht, jedoch steht es uns vollkommen frei, wann und ob wir die vorgeschriebenen Handlungen ausführen und dafür einen weiteren Vorteil freischalten.

Viel zu entdecken

Die Levels sind dabei recht umfangreich ausgefallen und laden, eingeschränkt, zum Erkunden ein. Von Schlauchlevels zu sprechen wäre falsch, denn abseits der Hauptroute gibt es oft auch einen alternativen Weg, auf dem ihr unter Umständen Waffenlager, Waffenverbesserungen wie zum Beispiel einen Schalldämpfer für Pistolen oder Sammelgegenstände wie Briefe, Schallplatten und Goldgegenstände entdecken könnt. Des Weiteren sind im Spiel insgesamt 72 Fragmente von vier unterschiedlichen Enigma-Codes versteckt, mit denen ihr jeweils einen Bonusmodus im Spiel freischalten könnt. Also Augen offenhalten!
Natürlich dürfen auch die dicken Schiesseisen  nicht fehlen, und davon gibt es hier mehr als genug. Pistolen, Schrotflinten, Scharfschützengewehre, Maschinenpistolen, Handgranaten, Teslagranaten und das LKW (Laserkraftwerk). Letztgenanntes kann sowohl als Waffe als auch als Werkzeug eingesetzt werden. Ihr könnt damit Gitter sowie Abdeckungen entfernen und so alternative Wege sowie Sammelgegenstände entdecken. Dank Rambomanier dürft ihr sogar zwei Waffen gleichzeitig einsetzen und euren Gegnern das Fürchten lehren. Dabei geizt Wolfenstein: The New Order auch in der deutschen Version nicht mit Gewalt – und nicht nur die Umgebung lässt sich teilweise zerfetzen!
Während der Kampagne gibt es stets Zwischenstopps im Hauptquartier des Widerstands, welche zu den ruhigeren Passagen zählen. Hier werden viel Wert auf die Geschichte gelegt, die Charaktere näher beleuchtet und der Ballerorgie Leben verliehen. Während dieser Passagen erledigt man in der Regel Botengänge, erkundet ein wenig die Berliner Unterwelt, führt interessante Gespräche mit sämtlichen Charakteren, entdeckt Geheimgänge, sucht verlorene Gegenstände und betätigt Klospülungen. Kein Scherz, letzteres ist sogar Bestandteil eines kleinen Rätsels.

Optisch ist Wolfenstein: The New Order auf der Xbox One wahrlich kein Leckerbissen und sehr weit davon entfernt, dass man es als Next-Gen-Titel bezeichnen könnte. Trotzdem läuft das Spiel in 1080p und mit flüssigen 60 Bildern pro Sekunde – sowohl auf der PlayStation 4 als auch auf der Xbox One. Dahingehend gibt es an den Konsolenversionen des Titels wirklich nichts zu beanstanden, und wer sich mit der Shooter-Steuerung auf der Konsole anfreunden kann, bekommt hier eine erstklassige Konsolenfassung! Anders sieht es bei den Texturen aus, die an zahlreichen Stellen extrem unscharf und verwaschen aussehen, welche nur noch von den „Last-Gen“ Versionen übertrumpft werden. Doch auf PlayStation 3 und Xbox 360 lässt sich das Ganze noch durch die alte Technik der Geräte entschuldigen. Doch warum haben PlayStation 4 und Xbox One so mit den Texturen zu kämpfen? Wolfenstein: The New Order basiert auf der id-Tech-5-Engine, mit der vor einiger Zeit bereits ein Titel namens Rage auf den Markt kam. Wie sich bestimmt einige noch erinnern werden, hatte auch dieser Titel mit der Engine zu kämpfen. Hier gehörten unter aufpoppende Texturen zur Tagesordnung.

Beißt man ins Gras werden wir dazu gezwungen für 20 bis 30 Sekunden eine Verschnaufpause ein zu legen bevor wir uns weiter ins Gefecht stürzen dürfen. Mit „Next-Gen“ hat das leider nicht viel zu tun. Auch die KI hat hier und da ihre Macken beziehungsweise Totalausfälle. In einem Spielabschnitt sind sämtliche Regime-Soldaten mit Knüppeln, statt mit Waffen ausgestattet, was natürlich zur Folge hat, dass sie Blazkowicz nur im Nahkampf überwältigen können. In der Regel dürfte man davon ausgehen, dass eine Wache, sobald sie Blazkowicz erspäht, ihn in Windeseile niederknüppelt – doch nicht die Regime-Soldaten! Gemütlich erheben sie ihren Waffenarm, strecken den Knüppel in die Luft und gehen gemütlich, aber angesäuert auf B. J. zu. Ob es sich hierbei um Nazi-Zombies handelt, die General Totenkopf aus seinem Geheimlabor entlaufen sind, ist uns ungewiss. Vielleicht handelt es sich auch einfach um eine strunz dämliche KI, die an den besagten Stellen einfach in eine Art Zombiemodus verfällt. An anderen Stellen im Spiel nimmt uns die KI stellenweise auch gar nicht wahr, zum Glück sind das aber lediglich Ausnahmen und sie entsprechen nicht der Regel. Überwiegend verhält sich die KI sogar recht intelligent, sucht eigenständig Deckung, wechselt die Stellung, deckt uns mit Granaten ein und fordert Verstärkung an.


Fazit

Wolfenstein – The New Order.. Zuerst überkam mich große Freude als ich die Gerüchte, (in denen ja bekanntlich viel Wahrheit steckt) dass sich ein neuer Teil in Entwicklung befand aufschnappte. Als ich dann allerdings hörte, dass nicht ID die alleinige Federführung der Entwicklung übernahm sondern der eher unbekannte Entwickler Machine-Games, wurde ich skeptisch. Ein eher unerfahrener Entwickler sollte die Entwicklung einer der Marken aus dem Hause ID übernehmen? Das konnte ja heiter werden. Doch zum Glück irrte ich mich! Maschine-Games hat den Flair von Wolfenstein nahezu perfekt umgesetzt. Der „Sieg“ des „Regimes“  und die Welt in der sich diese Geschichte abspielt ist absolut glaubhaft inszeniert und trägt zur dichten Atmosphäre bei. Wer von euch sich mit der Geschichte um das „Dritte Reich“ befasst hat, weiß erfinderisch die deutschen Wissenschaftler waren. Wolfenstein – The New Order macht einfach Spaß. Ob es die Ballerorgien oder Schleichpassagen sind oder man einfach mal den Gesprächen zwischen Soldaten und Ihren Vorgesetzten lauscht. Es kommt wirklich nie Langeweile auf.

Mit einer überdurchschnittlichen Spielzeit von bis zu 20 Stunden, die versteckten Schätze und Gegenstände und entscheidungsbasierten Entwicklung der Geschichte bieten einen enorm hohen Wiederspielwert. Der Sound ist ebenfalls sehr gelungen und zaubert euch des Öfteren ein Lächeln ins Gesicht.

Für Wolfenstein Fans ein „Must Have“ und für „First-Person-Shooter“ Freunde definitiv der beste Deal zur Zeit!

Plattform Windows PC, Xbox 360, Xbox One, PlayStation 3, PlayStation 4 Genre First-Person-Shooter
Publisher Bethesda Softworks Release 20. Mai 2014
Entwickler MachineGames SK-Freigabe freigegeben ab 18
sonstiges Keine Mikrotransaktionen, unterhaltsamer Old-School-Shooter

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