Reviews

Nioh


Invasion der Dämonen

Man nehme Samurais und Dämonen, mischt ein ausgefeiltes Kampfystem darunter, verfeinert das Ganze mit einem knackigen Schwierigkeitsgrad und fordernden Bosskämpfen, fügt eine Prise Lootspirale hinzu und schon erhält man den neuesten Streich von Team Ninja: Nioh. In der Third-Person-Perspektive schnetzelt man sich in der Rolle von William durch Horden von menschlichen sowie dämonischen Gegnern – hier Yokai genannt. Für seine menschlichen Charaktere hingegen bedient sich das Spiel lose an historischen Persönlichkeiten, beispielweise war William Adams der erste westliche Samurai, schreibt aber seine ganz eigene Geschichte: In einem fiktiven Japan des 16. Jahrhunderts wird das Land Yokai überrant und natürlich obliegt nun William die Aufgabe, dem Treiben ein Ende zu setzen.

Im weiteren Verlauf des Spiels wird die Story vereinzelt durch Dialoge, Missionsbriefings und Zwischensequenzen weitererzählt. Allerdings verkommt die Story maximal zu einem Nebenschauplatz, verbleibt die weitere Entwicklung doch eher schwach und uninteressant und ist eher Beiwerk für den eigentlichen Star des Spiels: Das Kampfsystem. Mit einem Destillat aus Elementen der Souls-Serie, Bloodborne und dem Team-Ninja eigenen Ninja Gaiden erschaffen die Entwickler hier ein komplexes aber trotzdem eingängiges System, das in seinen besten Momenten fast einem Tanz gleichkommt. Es gibt verschiedene Waffenkategorien wie das Katana, den Speer oder die eher exotischen Kusarigama, zwei mit einer Kette verbundenen Klingen. Jede Waffe lässt sich in drei unterschiedlichen Stellungen führen: Tief, Mittel und Hoch. Die mittlere Stellung bietet erwartungsgemäss einen guten Kompromiss zwischen Defensive und Offensive, die hohe Haltung ist eher auf maximalen Schaden aus, während man in der tiefen Haltung viele schnelle, dafür schwächere Hiebe austeilen kann. Ähnlich wie in Ninja Gaiden kann man sich für jede Haltung sowie Waffenkategorie einige Spezialmanöver freischalten, die dem Kampfsystem noch mehr Flexibilität geben. So kann man eine Kombo beispielsweise mit einem schnellen Schritt zurück abbrechen, oder aber im Falle des Speers, den Gegner per Beinfeger von den Füssen holen um direkt mit einem Finisher nachzusetzen. Diese Vielfalt ist auch zwingend notwändig, denn einem feindlichen Samurai muss man ganz anders entgegentreten, als einem drei Meter hohen Yokai mit überlanger Zunge oder auch einem riesigen, mit Speer bewaffneten Frosch.
Damit es auch in der Defensive nicht zu eintönig wird, stehen einem Blocks, Konter und Ausweichmanöver zur Verfügung. Dabei verbrauchen nahezu sämtliche Aktionen KI, was nichts anderes ist als die Ausdauer in anderen Spielen. Nioh bietet hier jedoch einen kleinen Kniff. Genauso schnell, wie man seinen KI-Balken leert, kann über den KI-Puls ein Grossteil des verbrauchten KI sofort wieder zurückerhalten werden, wenn man im richtigen Augenblick die R1-Taste drückt. Im späteren Verlauf des Spiels, kann man sich zusätzliche Fähigkeiten freischalten, wodurch der KI-Puls auch durch das Wechseln der Haltung, oder gar durch Ausweichschritte automatisch ausgelöst wird. So tanzt man nach ein paar Stunden wild um den Gegner herum, setzt hier und da ein paar Treffer, rutscht unter dem gegnerischen Angriff hindurch und setzt den tödlichen Hieb in den Rücken, dass es eine wahre Freude ist. Besonders Bosskämpfe gegen menschliche Gegner können hier durchaus in Akrobatik ausarten.
Möchte man sich hingegen nicht ausschliesslich mit Schwertern und Äxten der Gegner entledigen, gibt es zusätzlich noch die Möglichkeit, per Ninjutsu Wurfwaffen und ähnliche Gegenstände einzusetzen, oder macht sich die Omnyo-Magie zu Nutze, um den Gegner zu verlangsamen, oder seine Abwehr gegen eine bestimmte Schadensart zu steigern. Diese Möglichkeiten sind allerdings primär als Support anzusehen, um den Nahkampf wird man nie komplett herumkommen.

Parallelen an jeder Ecke

Übernimmt man sich dann doch mal an einem Gegner, heisst es nicht sofort Game Over, sondern man steht am letzten Leuchtfeuer – pardon, am zuletzt besuchten Schrein – wieder auf. Die Leuchtfeuer-Anspielung auf Dark Souls kommt nicht von ungefähr, denn das ist bei Weitem nicht die einzige Parallele, die sich zu From Softwares Reihe ziehen lässt. Genauso wie dort, sammeln wir von besiegten Gegnern Erfharung – hier nicht Seelen oder Blutechos, sondern Amrita genannt und ebenfalls genauso wie dort, bleiben diese nach dem Tod am Ort des Ablebens liegen und sollten tunlichst ohne erneutes Sterben wieder eingesammelt werden. Die Schreine können allerdings auch zur Regeneration und zum Aufstocken der Verbrauchsgegenstände verwendet werden, dies hat allerdings zur Foge – ihr habt es bestimmt schon erraten – dass sämtliche besiegte Gegner wieder respawnen. Auch das Steigern der Charakterwerte dürfte einem bekannt vorkommen. So steigert man Werte Körper, Ausdauer, Stärke oder Geschicklichkeit, die dann ihrerseits die Anzahl Lebenspunkte, den verursachten Schaden oder das maximal tragbare Gewicht beeinflussen. Besonders das Gewicht sollte man nicht unterschätzen. So ist eine schwere Rüstung zwar besonders widerstandsfähig gegenüber feindlichen Angriffen, dafür regeneriert sich der KI-Balken deutlich langsamer und man gerät schneller ausser Puste.
Bei aller Ähnlichkeit zu Dark Souls und Co. bringt Team Ninja aber durchaus auch eigene Spiel-Elemente mit ein. So sind in den meisten Gebieten sogenannte Kodamas versteckt. Das sind kleine grüne knuffige Wesen, denen man den Weg zum nächsten Schrein weisen muss. Diese lösen dann unterschiedliche Buffs aus, von denen man sich am Schrein einen aussuchen kann. Beispielsweise erhöht man die Menge an erhaltenem Amrita, oder erhöht die Menge an gefundenen Heilgegenständen. Auch das Lootsystem unterscheidet sich grundsätzlich. Während in den Souls-Spielen die Ausrüstungsgegenstände üblicherweise ihre festen Fundorte haben und in den meisten Fällen auch einzigartig sind, besitzt Nioh ein eher an Diablo angelehntes Lootsystem. Man wird überschüttet mit neuer Ausrüstung und diese teilt sich widerum in unterschiedliche Qualitätsstufen auf. Je höher die Qualität, desto mehr Zusatzeigenschaften besitzt die Waffe oder das Rüstungsteil. Beispielsweise erhöhte Resistenz gegen Elementar-Schaden oder zusätzliche Schadensskalierung mit einem bestimmten Attribut. Beim Schmied lässt sich zudem komplett neue Ausrüstung schmieden, bestehende neu schmieden oder aber durch Fusion von zwei Gegenständen die Qualität steigern. Besonders, wenn man ein komplettes Item-Set besitzt, das zur eigenen Spielweise passt, will man sich nur ungern von der Ausrüstung trennen und dann bietet sich diese Funktion an, auch wenn sie besonders im späteren Verlauf immens teuer wird. Das alles kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Loothäufigkeit fast schon zuviel des Guten ist, das gleiche Problem hatte schon Shadow Warrior 2 geplagt. Man findet so unfassbar viel, das man gefühlt zuviel Zeit mit Inventarschubserei verbringen muss. Unangenehmer Nebeneffekt noch dazu: man identifiziert sich nicht mit seinen Waffen. Man hat kein ikonisches Grossschwert, das einen über weite Strecken des Spiels begleitet, ständig stärker wird und dessen Moveset man blind beherrscht. Man wird Hunderte Katanas wegwerfen und genausoviele neue finden – im ersten Gebiet. Ja, man kann sein Lieblingsschwert immer weiter aufpowern, aber wie bereits erwähnt kann man sich das auf Dauer einfach nicht mehr leisten.

Der wohl grösste spielerische Unterschied zur Souls Serie besteht darin, das sich Nioh in keiner zusammenhängenden Welt abspielt. Das Spiel ist in fünf Regionen unterteilt und in jeder Region gibt es eine Handvoll Haupt- sowie Nebenmissionen. Dadurch steht praktisch jedes Level für sich allein, was sich dann auch im optischen Setting wiederspiegelt. Jedes Gebiet hat sein eigenes Thema, egal ob im Wald, in einem verschneiten zerstörten Vorort oder unter der Erde in einer Gruft. So gross allerdings die Abwechslung hier ist, so wechselhaft ist die Qualität des Leveldesigns. Für jedes schön und detailreich modellierte Level gibt es mindestens zwei uninspierte labyrinthartige Schläuche, in dem jeder Gang gleich aussieht. Auch in Sachen Levelinhalt vermag sich Nioh nicht mit Dark Souls 3 oder gar Bloodborne zu messen.

Qualität oder Geschwindigkeit

Aus technischer Sicht bietet Nioh eine vorbildliche Option zur Auswahl des Spielmodus. Im Action-Modus wird die Grafik etwas runtergefahren und die Auflösung ist variabel, dafür läuft das Spiel mit 50-60fps, wohingegen der Movie-Modus auf 30 Bilder pro Sekunde gecapped ist, dafür allerdings leicht hübschere Effekte und Schatten liefert. Bei der Spielgeschwindigkeit würde ich allerdings in jedem Fall den Action-Modus empfehlen, da man im Gameplay schon einen merklichen Unterschied feststellen kann. Auf der PS4 Pro hingegen liefert das Spiel im Action-Modus konstante 60 Frames in voller HD Auflösung, was die beste Spielvariante darstellt.

Fazit

Eine neue IP mit einem sehr starken Einstieg und Unmengen an Potential. Wer ein bisschen Frustresistenz mitbringt und Spass an tollen Kämpfen und einem ebensoguten Kampfsystem haben, werden an Nioh nicht vorbeikommen und durch den immensen Umfang inklusive New Game+ und den Twilight Missionen (Schwerere Varianten der regulären Hauptmissionen) auch eine lange Zeit beschäftigt sein. Im Zweikampf mit der offensichtlichen Konkurrenz Dark Souls und Bloodborne muss es sich aber geschlagen geben, dafür reicht es nicht ganz. Zu deutlich sind die Schwächen in Leveldesign, Gegnervielfalt und vor allem Storytelling und Atmosphäre. Nichtsdesto trotz eine absolute Empfehlung für Genrefans.


Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.