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Nights of Azure


Auf einer abgelegenen Insel im 19. Jahrhundert liegt seit Langem ein Fluch. Vor 800 Jahren wurde der Herr der Nacht, ein schrecklicher Dämon, besiegt und gebannt. Doch sein blaues Blut regnete vom Himmel und korrumpierte alles und jeden, was es berührte. Betroffene verwandeln sich des Nachts in Dämonen und terrorisieren die verschont gebliebenen Menschen. Um dem entgegenzutreten, bildete die Kirche Ritter aus, die auf nächtlichen Patrouillen dafür sorgen, dass die Menschen trotz allem ein halbwegs normales Leben führen können. Doch reicht das alleine nicht aus, den in jeder Generation ernennt die Kirche jemanden zum Saint. Dieser muss sich opfern, um die Wiederauferstehung des Herrn der Nacht für ein Weilchen zu verhinden.

Zwischen Freundschaft und Loyalität

Wir übernehmen die Kontrolle von Arnice, ihres Zeichens Heilige Ritterin des Ordens und Halbblut. Sie ist eine der Wenigen, die vom Dämonenblut getroffen, aber nicht vom Fluch beseelt wurden, sondern von der Macht des blauen Blutes neue Stärke ziehen kann. Wir kriegen von der Curia, die Organisation der Kirche gegen Dämonen, den Auftrag im kleinen Städtchen Ruswall nach dem Rechten zu sehen und dem frisch ernannten Saint zur Seite zu stehen. Wie es der Zufall so will, ist dieser Saint niemand geringeres als ihre tolpatische frühere Schulfreundin Lilysse, wodurch Arnice automatisch zwischen die Fronten gerät. Auf der einen Seite muss sie natürlich ihren Auftrag ausführen, auf der anderen Seite wäre dies natürlich gleichbedeutend mit dem Tod ihrer Freundin. Dieser kleine Kniff verleiht der ansonsten recht bekannten Story ein bisschen Würze und der moralische Aspekt der ganzen Situation wird regelmässig in Dialogen vertieft. Hin und wieder können wir durch kleinere Entscheidungen auch etwas Einfluss auf den weiteren Verlauf nehmen, was schlussendlich Auswirkungen auf das erreichte Ende hat, von denen es fünf an der Zahl gibt. Besonders die Beziehung zwischen Arnice und Lilysse, welche sich im Verlaufe des Spiels noch weiter vertieft, ist interessant geschrieben und wechselt ständig zwischen witzigen Blödeleien, die manchmal auch etwas ins Anzügliche abdriften können und ernsteren Einschlägen. Neben den beiden Hauptfiguren gibt es noch eine Handvoll weitere Charaktere, allen voran Simon der Hotelmanager, der zugleich Schnittstelle zwischen der Curia und Arnice darstellt. Simons Hotel stellt zugleich die Basis dar, von wo aus der Spieler die einzelnen Gebiete ansteuern, Quests annehmen und den Händler besuchen kann.

Interessanter Gameplay-Mix

Der Kampf gegen die Schergen der Nacht gestaltet sich dabei primär als Hack & Slay mit einer großen Prise Pokémon und Persona. Standardmässig mit einem Schwert ausgerüstet, kann Arnice diverse Combo-Angriffe ausführen und damit ihren Gegnern zu Leibe rücken. Um dem Kampfsystem aber noch etwas Abwechslung zu geben, kann sie ausserdem bis zu vier sogenannte Servans an ihre Seite rufen. Diese haben alle unterschiedliche Fähigkeiten, die an klassischen Rollenspiel-Stoff angelehnt sind. Es gibt die rein schadenorienterten, eher defensive, heilende oder unterstützende Servans. Jeweils vier gehören zu einer Gruppe, welche man innerhalb der Gebiete im späteren Spielverlauf auch durchtauschen kann. Das ermöglicht speziell auf unterschiedliche Taktiken auslegte Servanverbände. Die Begleiter selbst gewinnen genau wie Arnice durch Kämpfe an Erfahrung und steigen im Level, was ihre Werte und Kampfkraft verbessert. Im Gegensatz zu den Servans passieren Levelaufstige bei Arnice aber nicht einfach nur in einem langweiligen Statistikbildschirm, sondern in einer Traumwelt, in der Arnice ihr gesammeltes blaues Blut von den Kämpfen ihrem Schwert opfert. Die Erklärung, warum sie dabei bis auf ein knappes Tuch vollkommen nackt sein muss, ist allerdings genau so hanebüchen, wie bei Quiet in Metal Gear Solid 5: The Phantom Pain. Dafür erhält sie durch Levelups Zugriff auf immer mehr unterschiedliche Waffen und ab einer bestimmten Stelle im Spiel auch die Möglichkeit, ihre vom Dämonenblut gestärkte Dämonenform zu aktivieren. Auch davon gibt es unterschiedliche, welche davon genutzt werden kann, hängt jeweils von den aktiven Servans ab. Bei all den taktischen Möglichkeiten ist es etwas schade, dass der (nicht anpassbare) Schwierigkeitsgrad in der Kampagne recht niedrig ausfällt und man nie wirklich dazu genötigt wird, sich ins System reinzufuchsen und das Potential voll auszuschöpfen. Für etwas mehr Herausforderung gibt es im Keller des Hotels allerdings eine Arena, in der eine ganze Reihe von Challenges auf den Spieler warten und mit Geld, Blut (zur Steigerung von Arnice‘ Level oder zum Kauf von besonders wertvollen Gegenständen) oder Ausrüstungsgegenständen locken.

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Neben der in Kapitel unterteilten Hauptstory und der bereits angesprochenen Arena, gibt es ausserdem die Möglichkeit, Quests zu erledigen. Diese erhält im Hotel, gehen aber selten über Schema F hinaus. Töte 5 hiervon, sammel 3 davon, begleite jemanden dorthin – wobei der zu Begleitende die ganze Zeit über unsichtbar bleibt. Abgesehen von Quests, die man von einem Nebencharakter direkt kriegt, sind die Aufgaben ausserdem zufallsgeneriert und einfach nur dazu da, sich nebenher noch ein bisschen was dazuzuverdienen. Allerdings kann man besonders zu Beginn eh nur eine Quest gleichzeitig annehmen, wodurch sich das Ganze etwas zäher gestaltet. Die Quests der NPCs hingegen sind zwar recht spärlich an der Zahl, erzählen dafür aber zumeist eine nette kleine Geschichte, so dass man diese gerne mitnimmt. Etwas an Monster Hunter erinnert die Möglichkeit, einen Handelspartner für viel Geld in entlegene Orte der Welt zu entsenden, wo dieser sodann etwaige wertvolle Gegenstände findet, was je nach angesteuertem Ziel auch schon mehrere Ingame-Tage in Anspruch nehmen kann. Dabei ist der Tag-Nacht-Wechsel vor allem für die Storyvoranschreitung relevant, auf Missionen kann man gerell nur Nachts.

Technik von gestern

Eine große Schwäche des Spiels ist die Technik, insbesondere die Grafik. Diese läuft zwar grösstenteils in 60fps, ist dafür aber sehr detailarm und blockig, wie man es noch aus der PS2-Ära kennt. In den zumeist viktorianisch angehauchten Gebieten sind sehr wenige Details auszumachen, Interaktivität gibt es nur selten. Häufig schlagen wir auf Kisten und andere Gegenstände ein, ohne dass diese in irgendeiner Form darauf reagieren. Dabei gerät die Engine trotz der detailarmen Optik hin und wieder ins Straucheln, besonders bei vielen Gegnern oder in den effektreichen Kämpfen. Da ist man eindeutig Besseres gewohnt. Mehr Wert auf die Grafik hat man hingegen bei den Servans und ganz Besonders bei den Protagonistinnen gelegt. Diese sind hübsch im typischen Anime-Stil gestaltet und haben detailreich ausmodellierte Kleidung an. Das mit der Physik muss man den Entwicklern allerdings nochmal erklären. Während die übertrieben grossen Geschlechtsmerkmale der beiden Hauptcharaktere bei jeder Bewegung wackeln, als kämen sie direkt aus Dead or Alive, wirken Haare und Kleidung wie Beton, was mitunter dann doch etwas befremdlich wirkt. Beim der Musikuntermalung hingegen gibt es wenig auszusetzen, nicht zu aufdringlich, nicht zu weit im Hintergrund, das Battle-Theme kann auf Dauer nur etwas nerven. Die Dialoge sind gut vertont, ich habe jedoch nur die japanische Sprachausgabe verwendet.

Fazit

Ich bin mit wenig Vorwissen an Nights of Azure herangegangen und habe ein kurzweiliges Hack & Slay mit einem doch recht vielfältigen Kampfsystem erhalten, dass sein volles Potential nicht unbedingt ausgeschöpft hat. Die Story und Beziehung der beiden Hauptcharakter ist überraschend tiefgründig mit all ihren moralischen Verwicklungen und ermuntert zum Weiterspielen, die tristen Levels und der niedrige Schwierigkeitsgrad stellen sich dem aber gern mal in den Weg. Gegen Ende wird ausserdem sehr viel Boss-Recycling betrieben. Trotzdem kann man mit Nights of Azure durchaus seinen Spass haben, nach dem eigentlichen Spiel werden noch Bonusaufgaben freigeschaltet und wer aus der Ecke der Atelier-Spiele kommt oder Kampfsysteme mit Begleitern mag, kann durchaus mal einen Blick riskieren.


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